Altvater Alexij von Zosima (1846 – 1928)

Kurze biografische Angaben
1867–1895: Diakon in der Kirche St. Nikolaus in Tolmači
1872: Tod seiner Frau Anna
1895–1898: Presbyter in der Mariä Aufnahme-Kathedrale des Moskauer Kremls
1897: Protopresbyter
Ab 1898: Mönch der Smolensker Zosima-Einsiedelei
Ab 1919: Schema-Priestermönch
8. Mai 1923: Schließung der Einsiedelei, Umzug nach Sergijew Posad (Zagorsk)
1917 zog Altvater Alexij bei der Wahl des Patriarchen das Los mit dem Namen „Tichon“.
Im August 2000 wurde er auf der Jubiläumssynode der Bischöfe der Russisch-Orthodoxen Kirche kanonisiert, sein Gedenktag ist der 19. September (2. Oktober nach neuem Stil).
Aus den Büchern von S. Fudel
Eine Erzählung über die Zosima-Einsiedelei ist im ersten Kapitel des Buches „Erinnerungen“ von S. Fudel enthalten: Im Bericht über seine Erfahrungen hier offenbart der Autor nicht nur die Grundlage seiner eigenen geistlichen Struktur, sondern der gesamten Kirchentradition. Das wahre Leben beginnt für ihn mit einer Begegnung mit der Kirche, einer Berührung mit ihrer wahren Heiligkeit, wobei Heiligkeit zugleich das Ziel des menschlichen Weges, die Erfüllung seiner Berufung ist.
Später <nach den Besuchen in der Optina>, bis ich 17-18 Jahre alt wurde, war alles mit einem anderen Kloster verbunden, mit der Zosima-Einsiedelei … Die Zosima-Einsiedelei ähnelte Optina. Es gab dort eine gewisse Strenge, etwas vom „Nordrussischen Thebais“… Der Altvater selbst war der geistliche Mittelpunkt des Klosters. Die Schönheit seiner gesamten Erscheinung war bemerkenswert, wenn er in seinem langen Gewand aus seiner Beinahe-Klausur hervortrat, um den Pilgern die Beichte abzunehmen: sein graues schulterlange Haar, eine Art machtvoller Kopfhaltung, seine Statur, die Gesichtszüge, eine überraschend angenehme tiefe Baritonstimme, und vor allem – Augen voller Aufmerksamkeit und Liebe zu den Menschen. Diese Liebe eroberte und besiegte. Wer sich ihm näherte, tauchte in sie ein wie in einen uralten Schoß, wie in eine für ihn unwiderstehliche, bislang ungeahnte und begehrenswerte Naturgewalt. Er konnte nicht mehr anders, als zu glauben, denn in ihm war die Gegenliebe bereits entfacht worden: Feuer wird aus Feuer geboren.[1]
Der Kontakt mit der Heiligkeit erweist sich als schmerzhaft und eröffnet zugleich eine bislang unbekannte Freude. Es ist kein Zufall, dass S. Fudel, wenn er über Altvater Alexij spricht, die Beichte bei ihm erwähnt: Hier tritt die Schwere der Sünde besonders deutlich hervor, zugleich aber auch die Empfindung der Liebe des Himmlischen Vaters, „die sich durch den Altvater in diesen Momenten über mich ergießt“. Im Zentrum steht die Beschreibung des Gottesdienstes: in ihm erklingt sozusagen die Antwort der Kirche auf die überfließende Liebe des Vaters, die Entschlossenheit, sich Gott zu widmen.
Die klösterlichen Gottesdienste in einem Kloster wie Zosimova sind besonders… Hier gibt es nur eines: Entweder bleib ferne, denn du musst lange und hart stehen, oder gib deine Faulheit und Feigheit, deine Zweifel und Sünden auf und folge in heiligem Wahn diesen Stimmen, die harmonisch, hingebungsvoll und furchterregend stets über dasselbe singen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand und mit all deiner Kraft … und Ihm allein dienen!“[2]
Und „nicht als Verstoß gegen einen Kodex, nicht als Abweichung von bestimmten Vorschriften, sondern als Verbrechen gegen den Lebensatem selbst“, als Abkehr von der Liebe Gottes wird deshalb „die Sünde in der Kirche verstanden, und hierin liegt die Bedeutung der Buße“.[3]
In den Gottesdiensten der Zosima-Einsiedelei wird das Leben der Kirche in der Welt als ein heftiger Kampf offenbart, „nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit unter den himmlischen Regionen“ (Eph 6,12):

Für einen Einzelnen, noch dazu einen so jungen, ist es in einem solchen wahrhaftigen Kloster furchteinflößend. Es fühlt sich an, als wäre ein Muttersöhnchen direkt an die Front gekommen. Kein „stilles Refugium“ weit und breit, es gibt kein „Nest des Adels“, kein „Vergangenes und Gedanken“ [A. Herzen]. Statt eines „Nestes“ gibt es ein Meer, in das man sich werfen muss; statt „Gedanken“ oder „Vergangenem“ gibt es lebendiges und ehrfürchtiges Praktizieren der Gegenwart. Hier kann nur ein Schöpfer-Mensch existieren, der in sich sein unvergängliches Fundament finden möchte, hier ist die „unsichtbare Schlacht“ [L. Scupoli | Nikodemos d. Hag.] und das soldatische Werk des geistlichen Podwigs.[4]
Aus anderen Quellen
In der Vita des Märtyrermönchs Makarij (Morschow), der fast dreißig Jahre lang Kellionsgehilfe von Altvater Alexij war, sind mehrere Episoden festgehalten, die ein lebendiges Bild des Letzteren zeichnen:
Altvater Alexij war… zu allen äußerst höflich und vorsichtig. Zu Vater Makarij war er immer so aufmerksam, als wäre dieser gerade erst in seinen Gehorsamsdienst eingetreten, er dankte ihm fast täglich für seine unbedeutenden Dienste und bat ihn jeden Tag um Vergebung…[5]
Einmal sprach Altvater Alexij mit einem Studenten der Geistlichen Akademie. Vater Makarij, der Kellionsgehilfe des Altvaters, hatte gerade den Samowar gereinigt, gefüllt und angeheizt, und gesagt: „Ich gehe zur Kapelle Wasser holen, und du, Vater, sorge dafür, dass der Samowar nicht durchgeht.“ Altvater Alexij vergaß während eines Gesprächs mit dem Studenten Schüler den Samowar, der überkochte und voll Wasser lief. Vater Makarij, der zurückkehrte, sah dies und sagte tadelnd: „Vater, konntest du denn auch das nicht tun! Jetzt ist all meine Arbeit umsonst, und ich habe einen halben Tag damit verbracht, den Samovar zu reinigen!“ Altvater Alexij fiel Vater Makarij zu Füßen und begann, um Vergebung zu bitten: „Vergib mir, Vater Makarij, ich habe Unrecht getan.“[6]
Eine weitere Episode:
Vater Makarij, der Kellionsgehilfe, versuchte in seiner einfachen Art nicht, die Bettwanzen aus dem Kellion zu entfernen. Eines Tages rief Altvater Alexij ihn: „Vater Makarij, komm her!“ „Nimm diese Wanze, sie hat meine Hände angefressen.“ Vater Makarij nahm die Wanze und sagte: „Wo soll ich sie hintun?“ – „Töte sie nur nicht!“ Vater Makarij wollte sie gerade aus dem Fenster werfen, doch der Altvater hatte wiederum Vorbehalte: „Wie grausam du bist! Bei so einer Kälte, wohin soll sie jetzt gehen? Der heilige Isaak der Syrer sagt, dass ein Mönch Mitgefühl für alle Geschöpfe haben muss, selbst mit einem Floh.“ Vater Makarij entgegnete: „Nun, ich habe noch nicht einmal Macht über eine Wanze!“[7]
Quellen
- Верховцева Н. Сергиев Посад: (Страницы воспоминаниний) // Московский журнал. 1992. №10. С. 9.
- Протодиакон Сергий Боскин. Старец иеросхимонах Алексий, затворник Смоленской Зосимовой пустыни: Жизнеописание. Машинопись. Сергиев Посад, 1990.
- Протоиерей Илья Четвертухин, Четвертухина Е. Иеромонах Алексий, старец Смоленской Зосимовой Пустыни. Б.м.: Издательство Свято-Троицкой Сергиевой Лавры, 1995.
- Таких рождает вера наша: Избранные жития новых мучеников и исповедников Российских / Сост. А.Г. Воробьева, И.И. Ковалева, И.Г. Менькова. М.: Никея, 2013. С. 198—211.
Russischer Text: https://fudel.ru/personalia/alexij_zosimovskij_prep/
[1] Erinnerungen, S. 14 f.
[2] Ebd., S. 15
[3] Ebd., S. 18
[4] Ebd.
[5] Makarij (Moržov) / Kovaleva I. I. (Ed.): Solche werden aus unserem Glauben geboren [Таких рождает вера наша], Moskau 2013, S. 199.
[6] Ebd., S. 200.
[7] Ebd.


