Das Erbe Dostojewskis (1963) – bald in Deutsch

Titelseite

Russische Quellen

https://azbyka.ru/otechnik/Sergej_Fudel/nasledstvo-dostoevskogo

Einzelausgabe: Наследство Достоевского (Moskau 2016, 340 S.)
Dreibändige Werkausgabe (Hg: Erzpr. N. V. Balaschow, L. I. Saraskina): Bd. III (Moskau 2005, S. 5 – 176)

Deutsche Ausgabe in Vorbereitung

Inhalt

„Das Erbe Dostojewskis“ von Sergej Fudel untersucht das Leben und Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski. Zunächst erörtert Fudel die Relevanz von Dostojewskis Ideen in der modernen Welt, in der, wie er es nennt „Ära der Wasserstoffbombe“. Er betont, dass Dostojewskis religiöse und philosophische Einsichten nicht nur in Büchern, sondern im Herzen getragen werden müssen und in der modernen, hektischen Welt von großer Bedeutung sind.

Fudel hebt hervor, dass Dostojewskis Werke, insbesondere „Die Brüder Karamasow“, eine tiefe christliche Botschaft vermitteln und dass Dostojewski selbst ein tiefgläubiger Christ war. Seine Ideen hatten tiefgreifenden Einfluss auf die russische Intelligenzija – Fudel unterstreicht, dass der Mut, mit dem Dostojewski dem (wahren, nicht formalen) orthodoxen Glauben eine zentrale Stelle in seinen Werken einräumte, die Grundlage für eine Rückbesinnung und Rückverbindung vieler russischer Intellektueller sorgte. Er nennt Dostojewski den „Bekehrer“, der großen Anteil an dem starken Einfluss des orthodoxen Glaubens auf die russischen Künstler, Komponisten und Schriftsteller seiner Zeit hatte.

Das zentrale Thema der Schrift ist daher Dostojewskis Glaube und dessen Einfluss auf sein literarisches Schaffen. Fudel beschreibt, wie Dostojewski in seinen nach 1865 entstandenen Romanen , wie „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“ und „Dämonen“, immer wieder auf das Thema Jesus Christus zurückkommt. Dostojewski betrachtete das Christentum nicht nur als eine Lehre für tugendhaftes Verhalten, sondern als eine Offenbarung des Lebens Christi im Menschen.

Auch Dostojewskis Kindheit und Jugend, die von einer tiefen religiösen Erziehung geprägt waren, werden angesprochen. Fudel beschreibt, dass Dostojewski in einer gläubigen russischen Familie aufwuchs und wie diese frühen Eindrücke sein späteres Werk beeinflussten. Er zeigt Parallelen zwischen Dostojewskis Romanen und dessen eigenen Kindheitserinnerungen. Der Wendepunkt in Dostojewskis Leben, den seine inszenierte Erschießung und anschließende mehrjährige Verbannung markieren, wird ebenso dargestellt wie das anschließende Ringen um die tiefe Wahrheit des Christentums Dieser hatte sich Dostojewski während seiner Strafe im Kontakt mit dem einfachen russischen Volk wieder angenähert.

Der treffende Vergleich mit der alttestamentlichen Gestalt des Hiob verdeutlicht, wie Dostojewski gelitten und gerungen hat, um den Kern der Botschaft Christi zu finden, ungeachtet aller „katholischen“ und „byzantinischen“ Auswüchse der Kirche seiner Zeit. Dieses Ringen realisiert sich in den lebendigen Dialogen seiner Romanfiguren, in denen er die gesellschaftlichen Ideen seiner Zeit ausreifen lässt, bevor er Spreu und Weizen trennt und das Unkraut des atheistischen Nihilismus ad absurdum führt. In realen Heiligen seiner Zeit findet Dostojewski das in jedem Menschen angelegte Bild Christi verwirklicht – in der Liebe dieser Heiligen zur gesamten Menschheit realisiert sich die wahre Kirche.

Ist dieser Text für Literaten geschrieben?

Keinesfalls. Es ist von Vorteil, die wesentlichen Werke Dostojewskis gelesen zu haben, weil das Buch Fudels so natürlich tiefere Einsichten ermöglicht. Wirklich notwendig ist es nicht: Man darf sich auch erst durch die Lektüre dazu bewegen lassen, mehr von Dostojewski lesen zu wollen – „Schuld und Sühne“, „Die Brüder Karamasow“, den „Idioten“ …

Hier im Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/fjodor-michailowitsch-dostojewski/

Ist es ein Text für Orthodoxe?

Jein. Es ist ein Text für Christen auf der Suche nach dem Kern der Botschaft Christi. Fudel verdeutlicht exakt den Aspekt, der in „weltlicher“ Dostojewski-Rezeption eher am Rande behandelt wird, nämlich dessen zentrale Auseinandersetzung mit Grundfragen des Glaubens, deren tiefe Erkenntnisse auch dem heutigen Suchenden wesentliche Einsichten vermitteln können.

Zitate aus der noch unveröffentlichten deutschen Ausgabe

Nachfolgende Zusammenstellung einiger ausgewählter Absätze aus Sergej Fudels Schrift über Dostojewski vermittelt einen gewissen Überblick über Kernaussagen des Buches, allerdings weder zusammenhängend noch vollständig. Erkennbar wird der weite religiöse Kontext, in den das Schaffen Dostojewskis eingeordnet wird. Hinzufügungen in Klammern dienen dem besseren Verständnis.

aus Kapitel I. Die dominierende Idee

Eigentlich sind Dostojewskis Romane nach 1865 alle ebenfalls Bücher über Jesus Christus. Und gerade der Leser unserer Tage (der sechziger Jahre in der Sowjetunion) wird in diesen Büchern vielleicht erstmals Worte über den Christus der Liebe und des Glaubens finden.
Dostojewski nannte Dickens einen großen Christen, aber er selbst vollbrachte die unvergleichlich größere Leistung, sich zu Christus zu bekennen. Seine ganze Macht über die Menschen liegt gerade in diesem Bekenntnis …

Dostojewskis Glaube war der Glaube Golgathas, nicht der des Humanismus: ein tragischer Glaube, das heißt einer, der die ganze Geschichte des Evangeliums in sich zu wiederholen sucht.

aus Kapitel II. Kindheit und Jugend

In einem Brief an seinen Bruder Andrej schreibt Dostojewski: Der Gedanke eines unentbehrlichen und höchsten Strebens danach, zu den (im buchstäblichen, allerhöchsten Sinne des Wortes) besten Menschen zu gehören, war trotz aller Abweichungen die Grundidee unseres Vaters und unserer Mutter (29.2,76).

Schidlowski selbst schrieb im Januar 1839 an Michail Dostojewski (den Bruder des Schriftstellers): Eure Poesie mit ihrem anmutigen Charakter versetzt mich in die Kindheit, in jene reine Einfalt zurück … ohne die es unmöglich ist, in das Reich Gottes zu kommen. Im selben Jahre 1839 schrieb Dostojewski in einer Atmosphäre ebensolcher Stille und Klarheit an seinen Bruder Michail: Meine Seele ist für die früheren stürmischen Impulse unzugänglich. Alles darin ist still, wie im Herzen eines Menschen, der ein tiefes Geheimnis hütet … Der Mensch ist ein Mysterium. Es muss enträtselt werden … Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein (28.1,63). Er war damals noch keine 18 Jahre alt. Auslöser des Briefes war die Nachricht vom Tod seines Vaters, der von seinen Leibeigenen getötet worden war.

aus Kapitel III. Die 1940er Jahre und die Anfänge des „Doppelgängers“

Wenn man „Der Doppelgänger“, „Eine Novelle in neun Briefen“, „Prochartschin“, „Die Wirtin“, „Polsunkow“, „Das schwache Herz“, „Die fremde Frau“ usw. liest, und andere Dinge aus den 40er Jahren, die ehrlich gesagt auch gar niemand liest – dann versteht man zuweilen einfach nicht, wie es möglich war, nach „Arme Leute“, nach Puschkins oder Lermontows Prosa so schlecht zu schreiben.

Und doch muss man in Bezug auf die Unfruchtbarkeit der 40er Jahre für Dostojewski einen sehr großen Vorbehalt machen: Das Anhäufen jenes uns als Erbe überkommenen Erkenntnisschatzes des Schriftstellers gehört GERADE in diese Periode.

Im 17. Jahrhundert schrieb der Katholik Pascal: Hören wir nicht in diesem Chaos und in dieser ungeheuerlichen Verwirrung (der Seele) die ununterdrückbare Stimme der Wahrheit über die Gespaltenheit unserer Natur? … Diese Dualität ist so auffällig, dass es Menschen gab, die glaubten, es gäbe zwei Seelen in ihnen.
In unserer Zeit wurde diese Lehre von Exupéry sehr kurz und deutlich zum Ausdruck gebracht: Es ist jemand in mir, mit dem ich kämpfen muss, um zu wachsen.
Es war diese Grundwahrheit des Christentums, die Dostojewski mit noch unbeholfener Feder im „Doppelgänger“ auszudrücken suchte. Er meisterte die Erzählung nicht, alles darin wird in einem morbiden und verwickelten Schema vermittelt – die erhabene Idee des Kampfes zwischen Licht und Finsternis in der Seele des Menschen aber bildete von jener Zeit an die Grundlage seiner künstlerischen Arbeit, und das Skelett des Doppelgängers kleidete sich allmählich in das Fleisch seiner späteren Werke.

aus Kapitel IV. Gefangenschaft und Übergangszeit

Allen Petraschewzen erging das Urteil Zwangsarbeit (für Dostojewski vier Jahre) oder Verbannung, doch um sie einzuschüchtern, inszenierte man eine Hinrichtung durch ein Erschießungskommando.

Es heißt, bei der Verlesung des Todesurteils auf dem Semjonowski-Exerzierplatz sei kurz die Sonne hervorgekommen. In seinem Abschiedsbrief vom selben Tag schreibt Dostojewski: On voit le soleil! (Siehst du die Sonne! – 28.1,162). Dreißig Jahre später schrieb er in seinem „Kana von Galiläa“: Siehst du unsere Sonne, siehst du sie? (14,327). In diesem Menschen, der nach Ansicht vieler nur Dunkelheit in sich trug, steckte viel Sonne. Und waren nicht die Leiden, die ihm gesandt wurden, um die Sonne zu gewinnen, wirklich notwendig und sogar gering?

Vor allem aber war Reue über das Vergangene nötig, in all ihrer Finsternis, eine wahre, eine Strafvollzugs-Reue, und wir sehen in diesem erschütternden Brief deren ganze Aufrichtigkeit und Tiefe. Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke … So auch bei Puschkin:

Und lese meine Vita voll Verachten,
Ich zittere und fluche,
Und weine bitter und soll bitter schmachten …

– mit dem einzigen wesentlichen Unterschied, dass Puschkin, nachdem er diese Zeilen geschrieben hatte, sich den Vorbereitungen auf irgendeinen Ball gewidmet haben dürfte, Dostojewski dagegen für den Transport in die Verbannung bereitgemacht wurde.

aus Kapitel V. Die Erscheinung Christi in der Neuzeit

Die schweren Schicksalsschläge von Tod und Unglück weckten Dostojewski endgültig auf, gaben seinem geistlichen Leben den letzten Impuls. In diesem Moment, schreibt Strachow, fängt die beste Hälfte seines Lebens an.

1865 wurde „Schuld und Sühne“ begonnen, 1868 schrieb er „Der Idiot“, 1870 begann er den Roman „Dämonen“. Mitte der 60er Jahre fand Dostojewski, ungeachtet der in ihm noch lebendigen Abgründe, endlich zur Fülle seines Talents, zur Kraft, die er so lange wie unter einem Scheffel in sich getragen hatte. Dies geschah, als er in „Schuld und Sühne“ offen von Christus sprach.

Mit Vollmacht sprach Dostojewski erst in „Schuld und Sühne“; mit diesem Werk wurde die künstlerische Form plötzlich zum kostbaren Stoff seines christlichen Denkens.

Dostojewski zeigt, wohin der Stolz führen kann, und erschafft Raskolnikows Theorie von der Unterteilung der Menschheit in niedere Menschen, das „Material“, und in höhere Menschen, jene mit dem „Recht auf Verbrechen“, d. h. darauf, die Niederen für die höheren und allerhöchsten Ziele der Menschheit zu töten. Wir kennen aus der heutigen Zeit die ganze schreckliche Vitalität dieser Theorie. Dostojewski führt Raskolnikow aus ihr heraus, indem er ihn demütigt, zuerst durch den Marmeladow-Vater, endgültig dann durch dessen Tochter.

Deshalb hören wir gleich auf den ersten Seiten des Romans Marmeladows großen Monolog in der Taverne über das Jüngste Gericht und die Vergebung für die Demütigen.

„Und Er wird sagen: ‚Darum nehme Ich sie auf, ihr Weisen, darum nehme Ich sie auf, ihr Klugen, weil auch nicht einer von ihnen sich dessen selbst für würdig gehalten hat …‘ Und Er wird uns Seine Hände entgegenstrecken, und wir werden vor Ihm niederfallen … und werden weinen … und werden alles verstehen! … Herr, Dein Reich komme!“

Ich glaube, wenn Dostojewski nichts sonst über Christus geschrieben hätte, so wäre dies allein schon genug.

Sonjas Liebe siegte: Ihre Kreuze legten sich auf ihn. Oder, wie Dostojewski im Entwurf des Romans schrieb: Sonja und die Liebe zu ihr durchbrachen es (7,135). Aber für die Wahrhaftigkeit der Erschaffung der Gestalt, zur Verdeutlichung, wie schmal, d. h. schwierig der Weg des Christentums ist, ist das Dostojewski zu wenig. Schließlich ist alle Liebe noch in Sonja, und in Raskolnikow existiert nur eine Art Vorahnung davon.
Und so zeigt Dostojewski, dass selbst in der Zwangsarbeit sich die Reue nicht sofort einstellt, sondern erst ein ganzes Jahr später.

Wie es zuging, wusste er selbst nicht; aber plötzlich war es ihm, als ob ihn eine unwiderstehliche Kraft packte und zu ihren Füßen niederwürfe … Beide waren sie blass und mager; aber auf diesen blassen, kranken Gesichtern strahlte schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, einer völligen Wiedergeburt zu neuem Leben (6,421).

Seine eigene Erfahrung der Wiedergeburt gibt er an Raskolnikow weiter.

Unter seinem Kopfkissen lag ein Neues Testament … Dieses Buch gehörte ihr; es war das nämliche, aus dem sie ihm über die Auferweckung des Lazarus vorgelesen hatte … Bisher hatte er es überhaupt noch nicht aufgeschlagen. Auch jetzt schlug er es nicht auf; aber es kam ihm plötzlich der Gedanke: ‚Können etwa ihre Überzeugungen jetzt nicht auch die meinigen sein?‘ (6,422).

Das ist der Zeitpunkt, an dem die Strafe für ein Verbrechen endlich beginnt, sich aus unverständlichem Leiden durch lebendige Liebe in den Akt der menschlichen Erneuerung zu verwandeln.

aus Kapitel VI: Die Suche nach den Gerechten

Im 19. Jahrhundert sprachen viele ganz comme il faut von Gott. Indem Dostojewski „Schuld und Sühne“ schrieb, sprach er naiv über Christus sein äußerstes Wort. Das allein hätte uns schon genügt: Zu sehr lechzte die ausgetrocknete Erde nach solchen unmittelbaren Worten der Liebe und des Glaubens. Aber Dostojewski ging noch weiter. Er musste zeigen, dass seine Entdeckung Christi nicht nur seine persönliche Errungenschaft war, sondern Christus das Eigentum all derer ist, die Ihn lieben, und dass diese Liebenden nicht nur in den Träumen eines Literaten existieren, sondern als Realität der Geschichte.

Im Dezember 1867 schrieb Dostojewski an Majkow über die Idee des „Idioten“: Die Idee besteht darin, eine umfassend schöne Person darzustellen. Meiner Meinung nach kann nichts schwieriger sein als das (28.2, 241).

Bei seiner Charakterisierung des Fürsten Myschkin näherte sich Dostojewski einer der freudigsten Wahrheiten des Christentums – der darin herrschenden Untrennbarkeit von Heiligkeit und Liebe.
Dies macht die Begegnung des Fürsten mit der Gesellschaft nur umso schrecklicher: Die Gesellschaft lehnt Golgatha ab.
Betrübt ist meine Seele, bis zum Tode, sagt Jesus in Gethsemane (Mt 26,38), was bedeutet, dass uns das Evangelium auch die Todesbetrübnis mit hinterlassen hat. Die Grundwirklichkeit des Romans ist, dass es nicht irgendwelche irregeleiteten Nihilisten da draußen sind, sondern die überwältigende Mehrheit der orthodoxen russischen Gesellschaft. Generäle und Generalsgattinnen, infernalische Kaufleute und Adjutanten, junge Damen und Würdenträger, Anglomanen und kleine Beamte – alles wohlerzogene, gebildete und sogar oft angenehme Menschen – haben die Idee des Christentums von der Liebe und von dessen Heiligkeit, von dessen eigentlichem Wesen bereits in einem solchen Maße verloren, dass ein liebender Heiliger für sie nur ein Idiot sein konnte.

Wir wissen, dass je größer die Liebe, desto größer das Leiden der Seele ist, sagte Abba Siluan. Dostojewski zeigt nicht nur die völlige Ablehnung des Fürsten durch alle, sondern auch das äußerst bittere Gefühl in ihm selbst, dass er für all diese Menschen nichts hatte tun können, dass sein ganzes Werk ein Misserfolg war. Dies ist das Schrecklichste an Golgatha: Mein Gott, mein Gott, wozu hast Du Mich verlassen? (vgl. Mt 27,46).

aus Kapitel VII: Die Gerechten der Kirche

Dostojewski schickte den ersten Teil des Romans („Die Dämonen“) an die Redaktion des Russischen Boten und schrieb im Oktober 1870 an Katkow: Nicht alles werden düstere Figuren sein; Es wird auch lichte geben … Zum ersten Mal möchte ich zum Beispiel eine Kategorie von Menschen berühren, die bisher noch nicht von Literatur angefasst worden ist. Ich betrachte Tichon von Sadonsk als das Ideal eines solchen Menschen, der auch ein Heiliger Bischof ist und seinen Lebensabend in einem Kloster verbringt … Von jener Welt weiß ich so einiges (29.1,142).

Nachdem das Kapitel „Bei Tichon“ gestrichen worden war, übertrug Dostojewski die Lektüre der Offenbarung in das vorletzte Kapitel und machte sie zur Grundlage für Stepan Trofimowitschs Erleuchtung auf dem Sterbebett: „Und dem Engel der Gemeinde zu Laodicea schreibe …“, liest ihm die Buchverkäuferin vor. „Das … das steht in Eurem Buch?“ rief er mit funkelnden Augen und richtete sich vom Kopfkissen auf. „Ich habe diese hervorragende Stelle gar nicht gekannt! Höret: ‚Eher kalt, ganz kalt, als lau, als nur lau‘!“ (10,497 f.).
Diese in dem Roman behandelte Stelle der Offenbarung, ist auch eine Offenbarung über das wahre Wesen des Glaubens, und Dostojewski spricht sie aus, um die religiöse Realität Russlands anzuprangern. Der Glaube, der die Liebe verliert, verliert die Heiligkeit und verliert dadurch die Macht über die Welt

Dostojewski schrieb darüber sowohl in seinen Briefen als auch in seinem Tagebuch. Ohne eine höhere Idee kann weder ein Mensch noch eine Nation existieren, schrieb er 1876 in Das Tagebuch eines Schriftstellers. Und auf Erden gibt es nur eine höchste Idee, und das ist die Idee der Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Der Selbstmord, wenn der Gedanke an die Unsterblichkeit verloren geht, wird für jeden Menschen, der sich in seiner Entwicklung ein wenig über die Bestien erhoben hat, zu einer vollständigen und unvermeidlichen Notwendigkeit. Im Gegensatz dazu bindet die Unsterblichkeit, die das ewige Leben verspricht, den Menschen fester an die Erde … Denn nur im Glauben an seine Unsterblichkeit begreift der Mensch seinen ganzen vernünftigen Zweck auf Erden (24,48 f.).

Dostojewski verstand, dass das Christentum kein „Kurs in dogmatischer Theologie“ ist, sondern nur eines: die Osternacht auf Erden. Und in der Kühnheit und Gewissheit, mit der er uns diese Wahrheit mitteilt, liegt sein großer Dienst an den Christen unserer Zeit. In dem Roman Dämonen gibt es ebenfalls eine beeindruckende Stelle über dieses Osterfest, diese Karwoche der Erde:

„Zu jener Zeit aber“, sagt Marja Timofejewna Lebjadkina zu Schatow, „als ich einmal aus der Kirche kam, traf ich mich mit einer Nonne, die bei uns Buße tun musste, weil sie geweissagt hatte, und diese flüsterte mir zu: ‚Was, glaubst du wohl, ist die Mutter Gottes?‘ – ‚Sie ist eine große Mutter‘, antwortete ich, ‚die Hoffnung des Menschengeschlechts.‘ – ‚Ja‘, sagte sie, ‚die Mutter Gottes ist die fruchtbare Mutter Erde, und es liegt eine große Freude für den Menschen darin, und jeder irdische Kummer und jede irdische Träne soll uns eine Freude sein; und wenn du mit deinen Tränen die Erde unter dir einen halben Arschin tief getränkt haben wirst, dann sollst du dich sogleich über alles freuen …‘ Diese Worte habe ich mir zu Herzen genommen. Seitdem fing ich an beim Gebete, wenn ich mich bis zum Boden verbeugte, jedes Mal die Erde zu küssen; ich küsste sie und weinte dabei. Und nun will ich dir sagen, Schatuschka, es liegt nichts Schlechtes in diesen Tränen; und selbst wenn du gar keinen Kummer hast, so kannst du dennoch auch vor Freude weinen“ (10,116).

Hier ist es – das Konzil der Freude: die Kirche, die durch das sich endlich lichtende Dickicht hervortritt, in das Dostojewski uns geführt hat. Ein Konzil der Freude, aber natürlich erst nach einem Konzil der Nöte. Abba Siluan sagte: Wenn die Seele für die Welt betet, weiß sie, dass die ganze Erde trauert.

aus Kapitel VIII. Gemeinsame Sache

Dostojewski war 1879 bereits in der Lage, seine Position in der Gesellschaft in einem Brief an Pobjedonoszew folgendermaßen zu beurteilen: Ich halte meine literarische Stellung für fast phänomenal: als jemand, der explizit gegen europäische Prinzipien schreibt, der sich durch die „Dämonen“ auf ewig als rückschrittlich und obskur kompromittiert hat – wie ein solcher Mensch … doch von unserer Jugend anerkannt wird, von genau dieser so zerrütteten Jugend, mit ihrem Nihilismus und so weiter!

1880, schrieb er in einem Brief: Ich wäre lieber bei den Menschen; denn von ihnen allein kann man etwas erwarten, nicht aber von der russischen Intelligenz, die das Volk verleugnet und nicht einmal intelligent ist. Aber eine neue Intelligenz lebt wieder auf und kommt, sie will mit dem Volk sein.

Dostojewski brauchte nur eines: eine lebendige Verbindung mit lebendigen Seelen. Und wie glücklich war er, wenn er einer solchen Seele begegnete und fühlte, dass er ihr irgendwie helfen oder sich über etwas mit ihr freuen konnte.

Lebendige Menschen klopften an die Tür. Russland brauchte Hilfe, es brauchte in jenen fernen Jahren einen Menschen, der den Augenblick nicht versäumen würde, in dem das Wasser aufgewühlt wird. Und so sehen wir, mit welchem Ernst, mit welcher Demut und mit welcher Furcht Dostojewski seine besondere Situation erkannte. Schließlich gingen all diese Hunderte von Menschen, Hunderte von Briefen, die im Gefolge seiner Romane und seines Tagebuchs geschrieben wurden, nicht an die „regierenden Bischöfe“, sondern an ihn, einen St. Petersburger Schriftsteller, der bis vor kurzem in Wiesbaden Roulette gespielt hatte, einen Mann, der sich aufrichtig selbst für sündig und schwach hielt und es zweifellos war.

Welch geistliche Macht war bereits in seiner Seele gewachsen, die doch selbst ganz Sturm und Unordnung war (9,128)? Oder lebte nicht bereits ein kleiner Strahl jener Welt in ihr, trotz all seiner Sünden und Unzulänglichkeiten, der allein den Menschen helfen kann, nach den Worten des ehrwürdigen Serafim: Erwirb, mein Lieber, den Geist der Demut, und Tausende um dich werden gerettet werden?

aus Kapitel IX. Einsiedelei Optina

Tatsächlich zieht sich seit dem Pfingstereignis durch die Finsternis der Geschichte ein ununterbrochenes und gleißendes Band des Lichts, die heilige Kirche Gottes, die in keiner Weise verbunden ist mit dem, was nur ihren Namen oder ihre äußere Gestalt trägt, sei es auch nur in Form eines Mönchsgewandes. Das ist das unaufhörliche frühe Christentum, unveränderlich für immer und ewig. Jesus Christus ist Derselbe gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8), und mit Ihm ist Seine Kirche dieselbe. Dieser Überzeugung bedurfte Dostojewski, der müde war vom Anblick der Finsternis innerhalb der Kirchenmauern, ganz besonders. Sossima von Ferapont zu trennen bedeutete für ihn (und heute für uns alle) – die Kirche von ihrem Doppelgänger zu trennen und damit seinen Glauben zu befestigen, erneut zu verstehen, dass ein großer Gedanke nicht stirbt (26,164).

In Optina lebten echte Mönche, aber sie trennten ihr Leben und ihre Tränen nicht von dem Leben und den Tränen der leidenden Welt. Darin lag die besondere Leichtigkeit und Freude dieses erstaunlichen Klosters. In Optina lebten Menschen, die Gott nicht zwei Rubel (14,25) gaben, wie Aljoscha befürchtete, sondern ihr ganzes Leben und vor allem ihre ganze Liebe.  Es waren Menschen mit heiligem Herz – einem Herzen, das sich aller Geschöpfe erbarmt.

aus Kapitel X. Der Kampf um die Kirche

Der Einfluss der Ideen, nach denen das Mönchtum von Optina lebte, auf die Schaffung der Gestalt des Sossima ist offensichtlich. Aber die Altväter von Optina waren nur einige von vielen offenkundigen und unbekannten Heiligen, die im 19. Jahrhundert in Russland den Geist, die Lehre und die Praxis der alten Askese und des frühen Christentums wieder aufleben ließen. Dostojewski hat diese Kirche geistig berührt.

Nicht umsonst konnte es bereits in den 1850er Jahren einen so unerwarteten Begriff wie das „Optina-Christentum“ geben , im Sinne einer Opposition gegen etwas Äußeres oder Formales, gegen den „Katholizismus in der Orthodoxie“. Das Optina-Christentum ist der lebendige und freudvolle Glaube der Apostel und Heiligen. Deshalb war es nun für Dostojewski möglich geworden, einen Roman direkt über die Kirche zu schreiben.

Dostojewskis Bild (der Kirche) steht der apostolischen Definition der Kirche als „Leib Gottes“ nahe,als „Gefäß des Fleisches“, welches das Blut oder Heiligtum des göttlich-menschlichen Lebens trägt.

Dolinin schreibt in seinen Anmerkungen über die Entwürfe zu den Brüdern Karamasow: Ferapont ist Byzanz, auf seinen höchsten Punkt gebracht, das Fundament der historischen Orthodoxie, des asketischen Mönchtums als des höchsten kirchlichen Ideals. Ferapont erwies sich als das Fundament und der Höhepunkt der Kirche! Was soll man dazu noch sagen? Doch die Schwierigkeit, die Kirche von ihrem Gegenstück zu trennen, fühlte auch Dostojewski. Auch jene, die fester im Glauben standen, waren sich aller Versuchungen bewusst, die die kirchliche Wirklichkeit mit sich brachte. Im Jahr 1858 schrieb ein russischer Mönch und Theologe: Durch unseren mehr oder weniger formalen Eifer, nicht so sehr für das Wesentliche, als für den Buchstaben des Glaubens, und mit unserem realen, mehr oder weniger vom Glauben unabhängigen Leben ist es uns gelungen, den Weg des Herrn so widerwärtig zu machen, dass Jener der Gnade und Wahrheit Volle (vgl. Joh 1,14) uns durch das bloße Hörensagen über Ihn erschreckt.“ (Brief des Archimandriten Feodor an Erzpriester W. W. Lawrskij vom 17. Dezember 1858).

Taucht ein in die Orthodoxie, schrieb er 1876 in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, sie ist keinesfalls bloße Kirchlichkeit und Ritualismus, vielmehr ein lebendiges Gefühl, das bei unserem Volk zu einer jener grundlegenden lebendigen Kräfte geworden ist, ohne welche Nationen nicht existieren können. Im russischen Christentum gibt es nicht einmal Mystizismus, genau genommen, in ihm gibt es nur die Liebe zum Menschen, nur das Bild Christi – zumindest ist dies die Hauptsache (23,130).

Deshalb antwortet Sossima auf Chochlakowas Frage: „Wie kann man den Glauben zurückbringen?“ (14,52) richtig:

„Beweisen kann man da nichts, aber es ist möglich, sich zu überzeugen … durch die Erfahrung tätiger Liebe. Versucht, Eure Nächsten aktiv und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, in dem Ihr in der Liebe wachst, werdet Ihr von der Existenz Gottes und von der Unsterblichkeit Eurer Seele überzeugt sein“ (14,24).

Die Gottesfurcht ist deshalb wahrhaft der Anfang der Weisheit (Spr 1,7), der Beginn des Weges zur Vollkommenheit eines bereits im Menschen lebendigen Glaubens und der Liebe – aber sie ist nicht der Anfang des Christentums. Dessen Anfang ist nicht einmal der Glaube, sondern gerade die Liebe. „… Ihr habt Mich lieb gehabt und geglaubt“, sagte Christus zu seinen Jüngern (Joh 16,27). Die Myrrheträgerinnen und Apostel glaubten an Christus, nicht weil sie sich vor Ihm fürchteten, sondern weil sie Ihn liebten. Der Glaube erzeugt Furcht (und nicht die Furcht den Glauben), sagt der hl. Maximos der Bekenner (Über die Liebe, Zweites Hundert).

In den Plänen und Entwürfen des Romans („Die Brüder Karamasow“) lesen wir: DAS WICHTIGSTE … Niemand kennt das Evangelium (15,206). Die „Dichtung vom Großinquisitor“ hat eine besondere katholische Perspektive, aber ihr Wesen ist universal – die Entlarvung eines monströsen historischen Paradoxons angesichts der Verarmung des Glaubens und der Liebe: einer Kirche ohne Evangelium, eines Christentum ohne Golgatha, ohne Kreuzigung für die Welt, sondern im Gegenteil – mit Assimilation in der Welt. Die wesentliche christliche Intention des Romans besteht gerade darin, die Konturen dieser Art von Doppelgängern der Kirche zu definieren und sie der wahren Kirche gegenüberzustellen: Christus dem Inquisitor, Sossima dem Ferapont.

Nur die reinen Herzens sind, werden Gott schauen (Mt 5,8), und nur sie bilden auf Erden die Kirche, den Leib Christi.

Außerhalb Gottes gibt es keine Wahrheit und keine Liebe. Tatsächlich ist dies das Einzige, worüber Dostojewski immer geschrieben hat. Das Buch Hiob traf ihn schon als Kind, und mit ihm begann, wie wir wissen, seine bewusste kindliche Kirchlichkeit. 1875 las er es den Tränen nahe (29.2,43) stundenlang in den möblierten Räumen eines deutschen Kurortes. Als er sein Leben mit den Brüdern Karamasow in Staraja Russa beendet, spricht er erneut von ihm, mit Überraschung, Verwirrung und Freude (14,264).
Mein Hosanna ist durch das große Feuer des Zweifels gegangen (27,86), schrieb Dostojewski, nachdem er das Kapitel „Rebellion“ und den ganzen Roman über die Karamasows bereits beendet hatte. Zu Beginn seiner Leiden sagt Hiob: „Der Herr hat es gegeben, und der Herr hat es genommen; Gepriesen sei der Name des Herrn“ (Hb 1,21). Erst im Anschluss an diese Worten begann ein Sturm des Zweifels, des Unverständnisses und des Protests, der Schmelztiegel, durch den sein Hosanna gehen musste, um ewiges und unwandelbares Gold zu werden. Das war es, was Dostojewski so sehr brauchte – nicht nur das biblische Hosanna, sondern auch den biblischen Schmelztiegel.

Den Kampf mit dem stinkenden Abgrund des seelischen Schlafes und der Selbstzufriedenheit sehen wir in Dostojewskis Romanen. Seine Werke, schreibt B. Engelhardt, quälen und verbrennen die moderne Seele, rühren unerbittlich an den schmerzlichen Wunden ihres Gewissens und hindern sie daran, auch nur für einen Augenblick Ruhe in äußerlichen und irrealen Lösungen für die Grundprobleme des geistigen Daseins zu finden. Dostojewski schildert den Weg, den die Seele zu Gott geht, oder den zu gehen sie nicht gewillt ist. Der Weg ist schmal, und wie uns gesagt ist, gibt es keinen anderen. Kann das dem modernen Leser gefallen, der von der Literatur genau das Gegenteil erwartet: eine Art entzückender Weite und Wohligkeit? Literatur soll „ablenken“, „fesseln“, „beruhigen“ (betäuben), manchmal kitzeln, aber auf jeden Fall nicht ermüden.

Die Liebe zum Menschen ist der Schlüssel zu Dostojewskis künstlerischem Schaffen.

Dostojewski konnte nicht anders, als alle zu lieben, weil er fühlte, dass Christus hinter „jedem“ stand. I. S. Aksakow schreibt: Er verstand es, in jedem den Bruder und Gott zu erkennen.

Aber die Gleichberechtigung aller Menschen bedeutet für den Autor nicht die Gleichwertigkeit ihrer Ideen.

In der Tat finden wir bei Dostojewski und übrigens auch bei Dickens nicht jene körperlichen Verschmelzungen, die für viele Leser so offensichtlich notwendig sind und die Verschmelzung der Seele intensivieren. So dunkel Dostojewskis Seele in sich auch war, die Kunst blieb für ihn immer heilig, ein Feld des Kampfes gegen das Böse der Welt und nicht die Weise Bunins, sexuelle Erfahrungen im Namen „realistischer Kunstfertigkeit“ auszuwalzen. Dostojewskis weibliche Figuren sind vom Wesen ihres Geschlechts bis hin zu einer fast greifbaren Körperlichkeit durchdrungen, aber er entkleidet sie nicht, er umgibt sie für den Leser mit einer Atmosphäre der Unantastbarkeit.

Kapitel XII. Neu gefundene Ruhe

Das Bewusstsein der Unermesslichkeit dessen, was der Welt durch das Opfer Christi offenbart ist, macht die Schuld eines jeden unermesslich, denn jeder hätte das Licht weisen können, wie selbst der Einzig Sündlose nicht geleuchtet hat (14,492). Hier ist das Golgatha jedes einzelnen. Beim hl. Dimitrij von Rostow gibt es das Gebet: Möge mein Herz verletzt und verwundet sein an Deiner göttlichen Liebe, o Herr! Die Asketen der Kirche lebten in dieser Annäherung an Golgatha, und gerade dies ist der abgrundtiefe Graben, der sie von den falschen Asketen trennt, den Amwrosij und den Leonid von Ferapont, die wahre Kirche von ihrem Doppelgänger. Dostojewski fühlte die ganze Kraft dieser großen verbindlichen Idee der Einheit: der Einheit der Verantwortung und der Einheit der Liebe. 

Nach Dostojewski und Archimandrit Feodor wurde die Idee der universellen Schuld und der Verantwortung eines jeden für den anderen im theologischen Denken des 20. Jahrhunderts mit neuer Kraft lebendig. Jeder ist für jeden verantwortlich … Der Mensch ist für den Menschen verantwortlich, schreibt der Priester P. Florenski.

Der Realismus in der Mystik behauptet die Möglichkeit und Notwendigkeit, das Unerkennbare zu spüren. „Vieles auf Erden ist uns verborgen“, sagt Sossima, „aber dafür ist uns ein geheimes, inniges Gefühl unserer lebendigen Verbindung mit der anderen Welt, mit der hehren und höheren Welt vergönnt, und sind auch die Wurzeln unserer Gedanken und Gefühle nicht hier, sondern in anderen Welten.

Hier – in Reue und Liebe – wird bewusst, was die Welt Gottes und das Volk Gottes sind, was das Christentum ist.

So vollendet sich, schreibt Grossman, die Evolution des genialen Mystikers.

Dostojewskis Vermächtnis ist überragend. Trotz der schmerzlichen Mühen seines Denkens, trotz einzelner Unzulänglichkeiten in diesem Denken hinterließ er uns in ihrer Wahrhaftigkeit klare und einfache Gedanken – über die Sünde und die moralische Dualität des Menschen, über sein Leiden und das Werk seiner Reinigung, über die Suche nach Schönheit und Heiligkeit in den Menschen und in der Welt, über die warme Erde und die Kirche der Menschheit, über die Freude der Wahrnehmung Gottes und der göttlichen Liebe, die alles erträgt, alles hofft, alles erduldet (1 Kor 13,7). Aber es scheint mir, dass seine Hauptbedeutung für uns nicht in diesen einzelnen und vielen anderen christlichen Wahrheiten liegt, die er der ganzen Welt so überzeugend und voller Emotionen verkündete, sondern darin, uns autoritativ zu ihrer Gesamtheit hinzuführen, in seinem Aufruf, sie zu hören, zu erkennen, von ihnen zu zehren. Sein Aufruf gleicht dem Schlagen der Glocke vor der Liturgie, das scheinbar nichts Besonderes sagt und uns zugleich doch so klar ruft, weckt und berührt: Steh auf und geh und höre alle Worte dieses Lebens (Apg 5,20). Mit genau solchen Glockenschlägen ins Herz erinnert uns Dostojewski an Christus.

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